Nicht nur Taiwan im Visier: Auch Europa gerät ins Fadenkreuz autoritärer Einflussnahme

Von links nach rechts: Oliver Dieckmann, Moderator (JTI) ; Angela Köckritz, China.Table ; Anne Renzenbrink, Reporters Without Borders ; Estelle Huang, European Council on Foreign Relations.
Dass China territoriale Ansprüche auf Taiwan erhebt, steht außer Frage. Doch eine militärische Invasion wäre riskant, verlustreich und teuer. Deshalb setzt die Führung in Peking zusätzlich auf eine subtilere und deutlich kostengünstigere Strategie: Durch Desinformationskampagnen und internationale Medienstrategien soll Taiwan von innen heraus destabilisiert, die Bevölkerung verunsichert und internationale Unterstützer abgeschreckt werden – mit dem Ziel, Taiwan zu einer freiwilligen Aufgabe zu bewegen. In der Militärdoktrin der Volksrepublik ist dieses Vorgehen unter dem Begriff der kognitiven Kriegsführung (認知戰爭) verankert.
Doch nicht nur Taiwan ist betroffen von Desinformationen. Auch Europa steht im Fadenkreuz autoritärer Einflussoperationen – nicht nur durch Russland, sondern zunehmend auch durch China. Anders als die russischen Kampagnen verlaufen Chinas Informationsoperationen weniger offensichtlich, doch gerade im Ernstfall – etwa bei einer chinesischen Seeblockade oder Invasion Taiwans – könnten sie ihr ganzes manipulierendes Potenzial entfalten. Umso dringender ist es, das öffentliche Bewusstsein zu schärfen und offen zu diskutieren, wie demokratische Gesellschaften mit solchen Bedrohungen umgehen können. Von Taiwan kann Europa dabei viel lernen.
Am 10. Juli 2025 luden wir deshalb zu einer Podiumsdiskussion in den Kultursaal der Taipeh Vertretung Berlin ein. Unter dem Titel „China’s International Media Strategy: Disinformation, Propaganda, and Global Influence“ diskutierten wir im nahezu vollbesetzten Saal über aktuelle Taktiken chinesischer Einflussnahme – von neuen Plattformen wie TikTok und Deepseek bis hin zu Partnerschaften mit traditionellen westlichen Medienkanälen. Für unser Panel konnten wir drei hervorragende Expertinnen gewinnen: Estelle Huang, Visiting Fellow beim European Council on Foreign Relations und langjährige Analystin für die taiwanische Regierung, Anne Renzenbrink, Journalistin und Asien-Referentin bei Reporter ohne Grenzen sowie Angela Köckritz, Chefreporterin bei China.Table.
Wo Chinas Medienstrategien in Europa sichtbar werden
Ein offensichtliches Element chinesischer Einflussnahme ist die sogenannte „Borrowing Boat“-Strategie (借船出海): Dabei nutzt der chinesische Propagandaapparat westliche Medienhäuser als Plattform, um eigene Inhalte zu verbreiten. In Deutschland erschienen in den vergangenen Jahren regelmäßig Beilagen mit dem Titel „China Watch“, produziert von der staatlichen Nachrichtenagentur Xinhua, unter anderem in der F.A.Z., dem Handelsblatt und der Süddeutschen Zeitung. Laut The Guardian wurden solche Beilagen weltweit in über 30 renommierten Tageszeitungen veröffentlicht.
Zwar sind diese Inhalte formal als chinesische Produktionen gekennzeichnet – doch außerhalb informierter Kreise fehlt häufig das Bewusstsein dafür, wie stark diese Inhalte politisch gesteuert sind. Mit China handelt es sich um einen autoritär regierten, leninistischen Einparteienstaat, in dem Parteichef Xi Jinping öffentlich absolute Loyalität von Medienschaffenden einfordert. Laut Reporter ohne Grenzen gehört China zu den repressivsten Ländern weltweit in Bezug auf Pressefreiheit – aktuell Rang 178 von 180. Mindestens 113 Journalist:innen sitzen dort in Haft, viele unter menschenunwürdigen Bedingungen.
Angesichts dessen ist es hoch problematisch, staatliche Propaganda aus China im Umfeld unabhängiger Medien zu veröffentlichen. Denn selbst wenn sie als solche gekennzeichnet sind, vermitteln diese Beiträge durch ihre Platzierung eine falsche Legitimität – und verwischen die Grenze zwischen unabhängiger Berichterstattung und autoritärer Einflussnahme.
Ziele chinesischer Desinformationskampagnen im Kontext Taiwan
Chinas internationale Medienstrategie verfolgt mehrere politische Ziele. Neben dem Wunsch nach positiver Selbstdarstellung zielt sie vor allem darauf ab, internationale Unterstützer Taiwans zu verunsichern oder gar abzuschrecken. Gleichzeitig versucht Peking, das Vertrauen der taiwanischen Bevölkerung in die eigene Regierung zu untergraben. Dabei knüpft es gezielt an bestehende gesellschaftliche Spannungen und Unsicherheiten an.
Ein Narrativ, das chinesische Akteure in diesem Zusammenhang verbreiten ist die sogenannte „yi Mei lun“ (疑美論) – die gezielte Verbreitung der These, die USA würden Taiwan im Ernstfall nicht zur Hilfe kommen. Solche Botschaften sollen Zweifel säen bzw. verstärken und die gesellschaftliche Resilienz Taiwans schwächen.
Dabei steht Taiwan jedoch nicht hilflos da: Zivilgesellschaftliche Initiativen regieren mit glaubwürdigen Faktenchecks auf kursierende Falschinformationen und versorgen die Öffentlichkeit frühzeitig mit überprüften, verständlich aufbereiteten Gegendarstellungen. Außerdem nutzen Menschen in Taiwan KI zur Bekämpfung chinesischer Medienkampagnen: So kann diese dabei helfen, Fakeaccounts oder anderes verdächtiges Verhalten (wie Astrosurfing) aufzudecken. Eine zivilgesellschaftliche Organisation, die sich diesen Aufgaben annimmt, ist Taiwan AI Labs.
Chinesische Desinformationen außerhalb der chinesischen Sprache
Chinesische Plattformen wie Deepseek und Tiktok finden im Alltag nicht weniger Europäer:innen Verbreitung. Diese verbreiten jedoch nicht nur harmlose Tanzvideos, sondern auch Narrative, die dem strategischen Interesse der KPCh dienen. Zwar gibt es auf TikTok Videos über Internierungslager in Xinjiang – aber finden sich daneben auch schnell Clips, die sie relativieren, etwa indem sie Videos glücklicher Uigur:innen beim Tanzen in angeblich freiwilligen Ausbildungszentren zeigen. Eine große Gefahr dieser Plattformen ist das Potential im Falle einer Seeblockade oder Vollinvasion Taiwans. In Zukunft könnten diese Plattformen massiv zur Meinungsbeeinflussung in Europa genutzt werden.
China kauft Medienhäuser oder expandiert eigene Medienhäuser – vor allem in den Globalen Süden. Alleine das chinesische Unternehmen StarTimes betreibt mittlerweile über 630 Fernsehsender in über 10 Sprachen, die hauptsächlich afrikanische Zielgruppen bespielen. Diese unterbieten westliche Konkurrenten preislich und schaffen es somit, in einigen afrikanischen Regionen Gehör zu finden. In vielen afrikanischen Regionen konnte nachgewiesen werden, dass sich nach der Verbreitung von Fernsehanbietern mit chinesischen Besitzern ein positiveres Chinabild festsetzte.
Generell lässt sich jedoch sagen, dass chinesischer Content weniger offensichtlicher als solcher Erkennbar ist, häufig weniger politisch ist als einfach nur Ablenkungen. Insofern besteht ein großer Teil Chinas internationaler Medienstrategie aus „Chicken Soup for the mind“, gemeint ist Wohlfühl-Content, der die Aufmerksamkeit von relevanten Informationen ablenkt.
Impulse für den Umgang mit Desinformationen
Der gesellschaftliche Umgang mit Desinformation kann entmutigend wirken – doch es gibt konkrete Handlungsoptionen.
Erstens braucht es politische Antworten auf die Funktionsweise digitaler Plattformen. Dazu gehören Maßnahmen gegen intransparente Algorithmen und gegen die systematische Verbreitung von Falschinformationen durch Fake-Accounts. Deutschland tut sich historisch schwer mit Eingriffen in den öffentlichen Diskurs – und doch zeigt gerade der Umgang mit Morddrohungen oder Desinformationskampagnen: Plattformbetreiber müssen in die Verantwortung genommen werden.
Zweitens sollte über neue Plattformen nachgedacht werden. Der frühere Digitalminister Taiwans, Audrey Tang, prägte den Begriff der „antisozialen Medien“, um die destruktiven Dynamiken heutiger Plattformen zu beschreiben. Warum also nicht Plattformen fördern, die auf Partizipation, Dialog und Gemeinschaft setzen – statt auf Polarisierung, Empörung und Belohnung fürs Lautsein?
Drittens: Auch im privaten Umfeld kann jede:r etwas tun. Es beginnt bei der Sprache. Wer von einem „Zwischenfall“ auf dem Tiananmen-Platz spricht, relativiert staatliche Gewalt. Es handelte sich um eine blutige Niederschlagung friedlicher Demonstrationen und sollte auch so benannt werden.
Ein vierter Impuls betrifft den Schutz von Journalist:innen – auch und gerade von ausländischen Medienschaffenden in Deutschland. Einschüchterungsversuche durch autoritäre Staaten dürfen hier keinen Raum bekommen. Der Schutz freier Berichterstattung muss politische Priorität haben.
Darüber hinaus braucht es gezielte öffentliche Investitionen in digitale Bildung, Medienkompetenz und Faktenchecks. Aufklärung ist keine Nebensache – sie ist Teil demokratischer Wehrhaftigkeit.
Und nicht zuletzt: Gerade in diesem Feld eröffnet sich eine besondere Chance zur Zusammenarbeit mit Taiwan. Ob auf zivilgesellschaftlicher Ebene, durch Städtepartnerschaften oder über EU-Programme – Taiwan verfügt über wertvolle Erfahrungen im Umgang mit digitaler Einflussnahme. Wir müssen Taiwan nicht kopieren, aber wir sollten genau hinschauen – und lernen.
Ein besonderer Dank geht raus an alle Teilnehmenden und unsere drei Diskussionsteilnehmerinnen


